Notwendige Voraussetzungen der Potentialentfaltung

Notwendige Voraussetzungen der Potentialentfaltung

Beitragvon Teischel » 8. Jun 2016, 21:35

Geborgenheit und Freiheit

Damit sich ein Mensch überhaupt seinem Wesen gemäß entwickeln und zu einer vertrauensvollen inneren Stabilität finden kann, bedarf es bestimmter Voraussetzungen, die gerade nicht im Belieben des Einzelnen stehen.
Um selbstbewusst werden und immer wieder sein zu können, muss sich ein stabiles Selbstwertgefühl entwickelt haben. Dafür benötigt jedes Kind zunächst die Erfahrung einer sicheren, geborgenen Umgebung; so wie ihm später, sobald es seine Welt erkunden möchte, auch die Freiheit dazu gewährt werden sollte: seinen sicheren Ort ohne lähmende Angst oder Schuldgefühle („schlechtes Gewissen“) jederzeit verlassen und ebenso auch wieder dorthin zurückkehren zu können. Sich also möglichst frei bewegen zu dürfen.
Ermutigt zu sich selbst und geborgen im Vertrauen seiner Bezugspersonen kann sich der Einzelne „gelassen“ auf den Weg der Selbsterkenntnis und der Entdeckung seiner ureigenen Möglichkeiten begeben. Und auf der Grundlage seiner frühen – im Wesentlichen sicheren – Bindungserfahrung entwickelt er kraft seiner ureigenen Begabungen und Fähigkeiten schrittweise sein individuelles Selbst.
Dieser sich herausbildenden Persönlichkeit vermag ein Mensch dann zeitlebens, in sich wandelnden Gestalten, selbstbestimmt schöpferischen Ausdruck zu verleihen. Er sehnt sich geradezu danach, sich selbst - sein Selbst - im Austausch und in Verbundenheit mit anderen Einzelnen zu verwirklichen.
Das Wesen des Menschen lässt sich aus der Einheit unterschiedlicher Dimensionen beschreiben, deren Zusammenwirken erst jene Möglichkeit einer selbstbewussten, sehnsüchtigen, schöpferischen Existenz hervorbringt, für die es keinen anderen „Beweis“ gibt als den Glauben des Einzelnen an sich selbst. Wenn dessen Glaube der bewussten Einsicht in die inneren Zusammenhänge seines Wesens erwächst, bezeugt das Wunder der Selbsterkenntnis die Existenz des eigenen Selbst – so wie das Wunder der Natur die Gnade der Schöpfung (des Schöpfers) bezeugt.
Glaube hat eben nichts mit Logik und Beweisen zu tun – sonst hieße er nicht Glaube –, sondern vielmehr mit einem „Empfinden von Sinn“, mit der Bereitschaft, etwas Vollkommenes, ganz und gar anderes als das Sichtbare, für möglich zu halten und darauf zu vertrauen, dass es ist – persönliche Gewissheit im Gegensatz zu Wissen.
Hier soll die Aufmerksamkeit allerdings darauf gerichtet sein, wofür es eindeutige Gründe gibt – Menschenrechte sozusagen: die Voraussetzungen des Selbstseins, die Bedingungen der Möglichkeit, dass sich etwas wie Freiheit überhaupt entwickeln könnte.
Wenn wir aus philosophischer Perspektive den Gedanken an die Freiheit zulassen wollen, weil er die Dimension eines selbstbewussten Geistes erst vorstellbar werden lässt und aus diesem wiederum die Bedeutung der konkreten einzelnen Existenz und die Würde der Person begründbar sind – wir also noch immer „vernünftig“ argumentieren –, dann geht es tatsächlich immer auch um die Gestaltung von Lebensverhältnissen und -bedingungen, gewissermaßen um die Schaffung eines gedeihlichen Klimas, worin sich eine vernunftgemäße Entfaltung des menschlichen Wesens in seinen unendlichen Potenzialen individuell und existenziell überhaupt verwirklichen ließe; darum, Voraussetzungen zu gewährleisten, unter denen sich die Entwicklung des Einzelnen nicht von vornherein unter entfremdeten, unwürdigen, seine Autonomie verhindernden oder einschränkenden Umständen vollzieht.

Bindung als Grundlage

Betrachten wir also wesentliche Voraussetzungen für die leibseelische Gesundheit eines Menschen genauer und bedenken zunächst, dass es sich dabei um die ursprünglichen zwischenmenschlichen Beziehungen handelt, in denen alle späteren wurzeln. Und wenn wir von daher die Zusammenhänge und Verhältnisse zwischen Menschsein und Ichsein, der Gesellschaft und dem Individuum, einer Familie und ihren einzelnen Angehörigen, Eltern und Kindern, verstehen und mitgestalten wollen, müssen wir die Aufmerksamkeit zuerst auf den Ausgangspunkt aller möglichen Entwicklung richten: die Geburt eines Menschen und die Frühzeit der ersten Lebensmonate und Jahre.
Zu Beginn des Lebens werden überaus entscheidende, nachhaltig einflussreiche Erfahrungen zuteil – stärkende oder schwächende, liebevolle oder schmerzhafte, Geborgenheit vermittelnde oder Unsicherheit erzeugende –, die im Neugeborenen einen ersten bleibenden Eindruck von der Welt und den Menschen in ihr hinterlassen. Auch spätere Liebes- und Lebenskrisen hängen in ihrer Intensität und ihrer Verlaufsform alle mit denen der ersten Lebensphase eines Kindes zusammen, weil alles, was zu jener Zeit geschieht, da der Einzelne ohnmächtig, ausgeliefert und schutzbedürftig ist – angewiesen auf die liebevolle Unterstützung der Menschen seiner Umgebung –, ihm direkt, roh und ungefiltert durch bewusste sprachliche Distanz unter die Haut geht und sich für immer und bis in alle Ewigkeit unbewusst dort ablagert – gleichsam in ihn eingeschrieben wird.
Das geschieht auch mit jeder beliebigen anderen späteren Erfahrung – wir behalten in unseren Zellen vermutlich jeden einzelnen Moment unseres Daseins aufbewahrt, gleich einem riesigen Erfahrungsspeicher –, doch die frühen sind unsere allererste Begegnung mit dem Leben und für dessen Abbild und Atmosphäre in unserer Seele verantwortlich.
So wie unser Unbewusstes überhaupt in Sekunden auf vorsprachlicher Gefühlsebene über Sympathie oder Antipathie eines Menschen, eines Ortes oder einer ästhetischen Wahrnehmung entscheidet, zeigt sich die Wirkung des ersten Eindrucks für die erste Lebenszeit eines Menschen inzwischen immer klarer und deutlicher. Eine bewusste Bewertung erfolgt dagegen immer erst im Nachhinein, den ersten gefühlsmäßigen Eindruck dann oft genug revidierend oder differenzierend – allzu oft leider von einem widersprechenden Über-Ich gesteuert und dadurch krankmachend.
In dieser Frühzeit, da das menschliche Neugeborene hilfloser als die meisten Tierkinder ist, bleibt es noch weit entfernt von jeglicher bewussten sprachlichen Entwicklung – ein distanzlos hingegebener, auf seine Versorgung angewiesener, von seiner Außenwelt abhängiger Organismus.
Inzwischen ist gut genug beobachtet und untersucht worden, auch unter Einbeziehung der Vergleichenden Verhaltensforschung von Tier und Mensch, wie wesentlich für die stabile kindliche Entwicklung eine sichere Bindung zur Mutter – oder einer anderen primären Bezugsperson – ist, in der die Bedürfnisse und Signale eines Säuglings wahrgenommen, richtig interpretiert sowie angemessen und prompt befriedigt werden.
Die Untersuchungen von John Bowlby (1975), der als Pionier der Bindungsforschung gilt, haben seit den 1950er Jahren entscheidende Anstöße für ein vertieftes Verstehen der seelischen Entwicklung eines Kindes geliefert, aus der sich die Bedingungen und Möglichkeiten einer gesunden Reifung vom Ich zum Selbst erhellen lassen. Und ähnlich wie Bowlby mit seinen Untersuchungen die weitgehend noch intuitiven Einsichten von Sigmund Freud über die Bedeutung der frühen Kindheit stützen konnte, bekommt er heutzutage seinerseits von den Erkenntnissen der Neurobiologie immer nachhaltigere Bestätigung, die mit ihren bildgebenden Verfahren den gravierenden Einfluss frühester Erfahrungen bereits für den Fötus im Mutterleib nachweisen können.
Die sogenannte Bindungstheorie kam durch weitere Beobachtung und Erforschung frühkindlichen Verhaltens sowie durch die neueren Untersuchungsmethoden, zu der Erkenntnis, dass die Entwicklungspotenziale der menschlichen Natur ursprünglich harmonisch aufeinander abgestimmt in ihrer Beziehungsdynamik grundgelegt sind.
Karl Heinz Brisch (2006), einer der nachfolgenden, die Arbeit von Bowlby (1975) aufgreifenden und vertiefenden Forscher, beschreibt dies in seinem Buch Bindungsstörungen gleich eingangs, weil erst aus dem Wissen um die Möglichkeiten einer gesunden Entwicklung eine „Fehlentwicklung“ erkannt und verändert werden kann:

Nach Bowlby stellt das Bindungssystem ein primäres, genetisch verankertes motivationales System dar, das zwischen der primären Bezugsperson und dem Säugling in gewisser biologischer Präformiertheit nach der Geburt aktiviert wird und überlebenssichernde Funktion hat. Der Säugling sucht besonders dann die Nähe zu seiner Mutter, wenn er Angst erlebt. Dies kann etwa dann der Fall sein, wenn er sich von seiner Mutter getrennt fühlt, unbekannte Situationen oder die Anwesenheit fremder Menschen als bedrohlich erlebt, wenn er etwa an körperlichen Schmerzen leidet oder sich in Alpträumen von seinen Phantasien überwältigt fühlt. Er erhofft sich von seiner Mutter Sicherheit, Schutz und Geborgenheit. Das Nähesuchen wird durch Blickkontakt zur Mutter, aber auch besonders durch Nachfolgen und Herstellen von körperlichem Kontakt mit der Mutter erreicht. Dabei ist das Kind immer ein aktiver Interaktionspartner, der seinerseits signalisiert, wann Bedürfnisse nach Nähe und Schutz auftauchen und befriedigt werden wollen. (Brisch, 2006, S. 35)

Der Säugling ist also von sich aus aktiv und „kompetent“ genug ausgestattet, seinen Bedürfnissen Geltung zu verschaffen; daher hängt für ihn alles davon ab, dass er von seiner Bezugsperson auch angemessen wahrgenommen wird. Auf deren Seite ist eine Eigenschaft von besonderer Bedeutung, die „Feinfühligkeit“ genannt wird und besonders intensiv von Mary Ainsworth (2003), einer Mitarbeiterin Bowlbys, untersucht worden ist:

„Feinfühliges Verhalten“ der Bezugsperson besteht darin, dass diese in der Lage ist, die Signale des Kindes wahrzunehmen (z. B. sein Weinen), sie richtig zu interpretieren (z. B. als Suche nach Nähe und Körperkontakt) und sie auch angemessen und prompt zu befriedigen. Dies geschieht in den vielfältigen alltäglichen Situationen unzählige Male.
Der Säugling entwickelt häufiger zu derjenigen Bezugsperson eine sichere Bindung, die durch ihr Pflegeverhalten seine Bedürfnisse feinfühlig in der oben beschriebenen Art und Weise befriedigt. Werden dagegen die Bedürfnisse in den Interaktionen mit der Bezugsperson gar nicht, nur unzureichend oder inkonsistent – etwa in einem für den Säugling nicht vorhersagbaren Wechsel zwischen Verwöhnung oder Überstimulation und zu großer frustrierender Versagung – beantwortet, entwickelt sich häufiger eine unsichere Bindung. (Brisch, 2006, S. 36)

Im Umgang mit der Mutter bildet der Säugling sogenannte „innere Arbeitsmodelle“ aus (Bowlby, 1975), die das Verhalten zwischen Bezugsperson und dem Kind im Laufe des ersten Lebensjahres, je nach adäquater Interaktion, vorhersagbar erscheinen lassen und sich so zu einer entsprechenden „psychischen Repräsentanz“ entwickeln:

Das Kind lernt im Laufe des ersten Lebensjahres: Wenn ich in Gefahr gerate, weine und meine Bezugsperson als meine emotional sichere Basis – quasi als „Heimathafen“ – aufsuche, wird diese mir zur Verfügung stehen und meine Bindungsbedürfnisse mit einer bestimmten charakteristischen Nähe oder Distanz sowie einem umfassenden Verhaltensrepertoire beantworten. (Brisch, 2006, S. 37)

Das Bindungssystem seinerseits steht in Zusammenhang mit einer scheinbar entgegengesetzten Kraft in der menschlichen Natur, die jedoch ebenso elementar wesentlich für die gesunde Entwicklung eines Kindes ist und die sehnsüchtigen, schöpferischen Potenziale in ihm zur Entfaltung zu bringen versucht. Auch diesem Grundbedürfnis entspricht die ursprüngliche Beziehungsdynamik in angemessener Weise. Brisch (2006) schreibt:

Dem Bindungsbedürfnis steht das Explorationsbedürfnis des Säuglings gegenüber, das von Bowlby als weiteres starkes motivationales System betrachtet wird. Obwohl das Bindungssystem und das Explorationssystem entgegengesetzten Motivationen entspringen, stehen sie wechselseitig zueinander in Abhängigkeit.
Nach Bowlby kann der Säugling dann ausreichend seine Umwelt erkunden und auch Angst während seiner Entfernung von der Mutter aushalten, wenn er dies von der Mutter als sicherer emotionaler Basis aus tun kann. Eine sichere Bindung ist also Voraussetzung dafür, dass ein Säugling seine Umwelt erforschen und sich dabei als selbsteffektiv und handelnd erfahren kann. […] Die Selbststeuerung des Säuglings in bezug auf Distanz und Nähe zur Mutter wird von einer feinfühligen Bindungsperson akzeptiert. Die Mutter kann sich darauf verlassen, dass ihr Kind bei Stresserfahrung ihre Nähe sucht. Tritt dieses erwartete Verhalten nicht ein, ist zu vermuten, dass es aufgrund von Erfahrungen der Zurückweisung bereits aktiv unterdrückt wurde. Bei empfundener Sicherheit ist das Explorationsverhalten „vorprogrammiert“ und muss nicht erzwungen werden. Initiative und Steuerung für Bindungs- und Explorationsverhalten gehen jeweils vom Kind aus. […] Die wechselseitige Beziehung zwischen Bindung und Exploration ist nach der Bindungstheorie kein Phänomen, das nur in der Säuglingszeit besteht. Diesen Prozess hat Bowlby vielmehr als einen beständigen Vorgang im Laufe des gesamten Lebens betrachtet. Die Spannung zwischen den Polen Bindung und Exploration muss dabei immer wieder neu wie auf einer „Wippe“ ausbalanciert werden, da Bindung und Exploration wie These und Antithese zueinander in Beziehung stehen. (Brisch, 2006, S. 38 f.)


Diese Zusammenhänge sind für die Entwicklung des Menschen zwischen den Polen von Sucht und Sehnsucht, Nähe und Distanz, Abhängigkeit und Freiheit von zentraler Bedeutung, weil sich erst aus der natürlichen Möglichkeit, diese Spannung in sich wahrzunehmen, sie auszuhalten und immer wieder schöpferisch zu überwinden, die Beziehung zwischen Gesundheit und Krankheit verstehen lässt: als dynamischer Prozess, die Sehnsucht als ihr eigenes Maß zu erleben und sich nicht süchtig – in der Krankheit – von ihr „erlösen“ zu müssen.
Dass ein Kind die Welt entdecken möchte, sobald es sich beschützt und sicher genug fühlt, nicht alle Energie für sein Überleben zu benötigen, ist seit je eine leicht zu beobachtende Tatsache. Bereits der Säugling fängt ja damit an, seine eigenen Gliedmaßen zu „erforschen“ und seine Umgebung mit allen Sinnen zu „probieren“. Doch erst in den frühen Beziehungen zu Menschen – und hier sind die ersten jene zu Mutter und Vater oder zu vergleichbar eng vertrauten Personen in der Umgebung des Babys – kann deutlich werden, ob und wieweit die leibseelische Natur eines Menschen – sein Wesen – ihn von Anfang an befähigt, sich zu einer eigenständigen, selbstbewussten Persönlichkeit zu entwickeln oder nicht. Diese Frage und das Interesse an der Beziehung des Einzelnen zu seiner Umgebung setzen dabei im Grunde schon den Glauben an die Möglichkeit existenzieller Freiheit voraus.
Daher sind auch Fallstudien und Entwicklungsgeschichten einzelner Menschen in ihrem jeweiligen Beziehungssystem so hoch bedeutsam für die „Psychologie“, weil die Erforschung von Eigenschaften und Strukturen der menschlichen Spezies immer nur an konkreten Lebenserfahrungen und Verhaltensformen Einzelner in ihrem bestimmten Dasein möglich ist. Auch wenn es sich dabei – wie im nachfolgend beschriebenen Szenario – um eigens geschaffene Beobachtungsräume und Versuchsanordnungen handelt, werden dabei gewonnene Erfahrungen wiederum erst in der Übertragung auf die realen Lebensverhältnisse und konkreten Bezugspersonen und -systeme des Einzelnen verständlich.
Dies verweist auf die Bedeutung des konkreten Individuums für die gesamte Menschheit und bezeugt die Tatsache, dass jeder Einzelne im Grunde eine Welt für sich bedeutet, so wie sich ihm umgekehrt die Gesamtheit der großen Welt durch diese seine spezifische Umwelt vermittelt, in die der Einzelne genau zu dieser Zeit hineingeboren wurde und die sich gerade so auf ihn auswirkt. So wie jede einzelne Zelle des Menschen auch sein komplettes genetisches Programm enthält, spiegelt sich in jeder Facette menschlichen Verhaltens, das die Psyche eines bestimmten Individuums hervorbringt, potenziell die Spezies Mensch in ihren möglichen Süchten und Sehnsüchten. Und so wie ein einzelner Mensch im Laufe seines Lebens bereits ein ungeheures Spektrum unterschiedlicher Verhaltensweisen erkennen lässt, immer wieder mehr oder weniger krank oder gesund oder beides ist, süchtig oder/und sehnsüchtig, ergeben die Beobachtungen an Menschen zu allen Zeiten, an allen Orten ein potenziell übertragbares Bild vom „Wesen des Menschen“, das sich letztlich doch wieder nur am Einzelnen und für den Einzelnen bewahrheiten kann, der sich darin wiedererkennt oder nicht.
Wenn die Bedeutung des Einzelnen für die Welt wirklich ernst genommen würde – im Sinn des biblischen Spruches über die Einheit von Gott und Mensch: „Was ihr für einen meiner geringsten Brüder getan habt, das habt ihr mir getan“ (Matthäeus, Kapitel 25, 40) –, ginge daraus womöglich eine Haltung hervor, die einer universellen Verantwortung gleichkäme und die sich im Umgang mit dem Nächsten offenbarte: Wenn wir einem einzigen Kind Gewalt antun, verletzen wir auch alle anderen, wenn ein einzelner Mensch leidet, leidet das Universum.
Eine Medizin, die Babys noch bis in die 80iger Jahre des letzten Jahrhunderts ohne Narkose operierte, da sie später angeblich alles vergessen haben und sowieso nicht verstehen können, was ihnen dabei geschieht – das macht es ja so grauenhaft, wie wir heute wissen –, und eine „Pädagogik“, die meinte, „Zucht und Ordnung“ in die Kinder hineinprügeln zu müssen, um pflichtbewusste, „tüchtige“ Menschen aus ihnen zu machen, interessieren sich nicht für die Bedürfnisse und Fähigkeiten der Kinder. Diese werden vielmehr als unbeherrschte, triebgesteuerte kleine „Wilde“ erlebt, die es erst zu formen gilt, damit sie nicht etwa gefährlich entarten.
Die Bezeichnung der „infantilen Sexualität“ als „polymorph pervers“ (Freud, 2000a, S. 97) – und vor allem jene „Wende“ im Denken von Sigmund Freud, da er sich und die „Psychoanalyse“ von der ursprünglichen „Verführungstheorie“ frühkindlichen Missbrauchs zum „Ödipuskomplex“ eines dunklen Begehrens „bekehrte“ (Masson, 1991) – verrät deren ursprünglich emanzipatorischen Anspruch an die Entfremdung einer gewalttätigen Gesellschaft, die mit der potenziell „bösen“ Triebnatur des Menschen auch dessen erzieherische Zurichtung rechtfertigt.
Wie sehr die Impulse eines Kindes vom Zeitpunkt der Geburt schon auf Nähe, Beziehung und Kommunikation ausgerichtet sind und nichts dringender verlangen, als angemessen beantwortet zu werden, ist aus Angst und eigener Bedürftigkeit der Bezugspersonen weitgehend außer Acht gelassen worden. So wurde die mögliche Perspektive einer sehnsüchtigen Begabung zur selbstbewussten, schöpferischen Freiheit des Einzelnen immer wieder in ein vermeintliches Naturgesetz vom Überlebenskampf und „Recht des Stärkeren“ umgedeutet, dessen „Moral“ die so gedeutete Tiernatur der Spezies nur illusionär verschleiert, um sie im eigenen Interesse besser beherrschen zu können (Nietzsche, 1980a).
Obwohl seit Beginn des 20. Jahrhunderts das Interesse an der Entwicklung der menschlichen Seele in Beziehung zu ihrer Außenwelt, in Familie und Gesellschaft, allmählich stärker wurde, hat sich doch die allgemeine Entfremdung bis in die Gegenwart hinein massiv fortgesetzt, weshalb auch die Suchtstrategien psychischer und psychosomatischer Krankheiten nach Häufigkeit und Vehemenz weiter zunehmen. Die Zusammenhänge von Krankheit und Gesundheit, Sucht und Sehnsucht, in ihrer Beziehungsdynamik bewusst wahrzunehmen und zu verstehen, ist die Voraussetzung dafür, sie in entsprechende Veränderungsprozesse transformieren zu können, die jedem Einzelnen künftig eine stabile seelische Entwicklung ermöglichen und ihn zu einem selbstbewusst schöpferischen Ausdruck der eigenen Existenz befähigen.

Wesentlich für die Unterscheidung zwischen einer angemessenen und einer gestörten Bindung der Beziehung zwischen Mutter und Kind wurde die Untersuchungsreihe der sogenannten „Fremden Situation“, die zwischen dem zwölften und 18. Lebensmonat in einer für Mutter und Kind gleichermaßen unvertrauten Umgebung durchgeführt wurde, und zwar mittlerweile weltweit in den verschiedensten Gesellschaftsformen (Brisch, 2006, S. 44).
In einem Spielzimmer werden dabei Interaktionen zwischen Mutter und Kind, Mutter, Kind und einer fremden Person sowie das Verhalten des Kleinkindes während einer Trennung von der Mutter – die auf ein Klopfzeichen den Raum verlässt – beobachtet. Zuerst bleibt die fremde Person im Raum und versucht Kontakt mit dem Kind herzustellen; nach der Rückkehr der Mutter und kurzem Austausch mit ihrem Kind verlässt die fremde Person und dann erneut auch die Mutter den Raum, und das Kind bleibt allein zurück. Aus den Beobachtungen dieser Szene ergeben sich drei eindeutig unterscheidbare Bindungsqualitäten und eine weitere, gleichsam chaotische Reaktionsweise, die als eigene, vierte „Zusatzklassifikation“ hervorgehoben wurde (Brisch, 2006):

Sicher gebundene Kinder („secure“):
Diese Kinder zeigen deutliches Bindungsverhalten nach der ersten wie auch nach der zweiten Trennung von der Mutter. Sie rufen nach der Mutter, folgen ihr nach, suchen sie – auch längere Zeit –, weinen schließlich und sind deutlich gestresst. Auf die Wiederkehr der Mutter reagieren sie mit Freude, strecken die Ärmchen aus, wollen getröstet werden, suchen Körperkontakt, können sich aber nach kurzer Zeit wieder beruhigen und dem Spiel erneut zuwenden.

Unsicher-vermeidend gebundene Kinder („avoidant“):
Diese Kinder reagieren auf die Trennung nur mit wenig Protest und zeigen auch kein deutliches Bindungsverhalten. Sie bleiben in der Regel an ihrem Platz, spielen weiter, wenn auch mit weniger Neugier oder Ausdauer. Manchmal kann man erkennen, dass sie der Mutter mit den Augen nachfolgen, wenn diese den Raum verlässt, also das Verschwinden der Mutter tatsächlich auch registrieren. Auf die Rückkehr der Mutter reagieren sie eher mit Ablehnung und wollen nicht auf den Arm genommen und getröstet werden. In der Regel kommt es auch zu keinem intensiven Körperkontakt.


Unsicher-ambivalent gebundene Kinder („ambivalent“)
Diese Kinder zeigen nach den Trennungen den größten Stress und weinen heftig. Nach der Rückkehr der Mutter können sie von dieser kaum beruhigt werden. In der Regel braucht es längere Zeit, bis diese Kinder wieder einen emotional stabilen Zustand erreicht haben. Manchmal können sie auch nach mehreren Minuten nicht wieder zum Spiel zurückfinden. Wenn sie von ihren Müttern auf den Arm genommen werden, drücken sie einerseits den Wunsch nach Körperkontakt und Nähe aus, während sie sich andererseits gleichzeitig aggressiv gegenüber der Mutter verhalten (Strampeln mit den Beinen, Schlagen, Stoßen oder Sichabwenden).

Kinder mit desorganisiertem Verhalten (Zusatzklassifikation)
Mehrere Kinder konnten keiner der oben genannten Kategorien zugeordnet werden. Bei diesen Kindern konnten später typische Besonderheiten des Verhaltens identifiziert werden, die als „unsicher-desorganisiert/desorientiert“ beschrieben wurden.
Dieses Desorganisationsmuster kann bei den drei bereits genannten Bindungsmustern als eine zusätzliche Codierung vergeben werden. Selbst sicher gebundene Kinder können in kurzen Sequenzen desorganisierte Verhaltensweisen zeigen. Diese sind dadurch charakterisiert, dass die Kinder etwa zur Mutter hinlaufen, auf der Hälfte des Weges stehenbleiben, sich umdrehen, von der Mutter weglaufen und den Abstand zu ihr vergrößern. Ihre Bewegungen können mitten im Bewegungsablauf erstarren und scheinbar „einfrieren“ („freezing“). Außerdem beobachtet man stereotype Verhaltens- und Bewegungsmuster. Diese Beobachtungen werden so interpretiert, dass das Bindungssystem dieser Kinder zwar aktiviert ist, ihr Bindungsverhalten sich aber nicht in ausreichend konstanten und eindeutigen Verhaltensstrategien äußert. Nachdem man bei den Kindern mit dem desorganisierten Muster bei physiologischen Messungen in der Fremden Situation ähnlich erhöhte Stresswerte wie bei den unsicher-gebundenen Kindern gefunden hat, rechnet man dieses Muster dann der Gruppe der unsicheren Bindungsqualitäten zu, wenn die spezifischen Verhaltensweisen in einem hohen Ausprägungsgrad vorhanden sind.
Das Desorganisationsmuster wurde überzufällig häufig bei Kindern aus klinischen Risikogruppen wie auch bei Kindern von Eltern gefunden, die ihrerseits traumatische Erfahrungen wie Verlust- und Trennungserlebnisse, Misshandlung und Missbrauch mit in die Beziehung zum Kind einbrachten. (Brisch, 2006, S. 47)

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Literatur:
Ainsworth, M., Bindung zwischen Mutter und Kind und soziale Entwicklung, in: Grossman, K.E./Grossmann, K. [Hrsg.], Bindung und menschliche Entwicklung. John Bowlby, Mary Ainsworth und die Grundlagen der Bindungstheorie, 2003

Bowlby, J., Bindung. Eine Analyse der Mutter-Kind-Beziehung, 1975

Brisch, K. H., Bindungsstörungen, 2006

[Dieser Text wurde gekürzt und leicht verändert nach:
Teischel, O., Krankheit und Sehnsucht - Zur Psychosomatik der Sucht, Kap. 4, S. 232-241, 2014.]

Eine anregende Empfehlung zur weiterführenden Lektüre mit vielen lesenswerten Aufsätzen:
Psychologie Heute Compact, Das Kind in mir, Heft 41, 2015 (beim Verlag bestellbar).
http://www.psychologie-heute.de/ph-compact/weitere-ausgaben/compact-41/
Teischel
 
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Registriert: 26. Apr 2016, 18:24

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