Gedanken zu einer aktuellen Lektüre

Gedanken zu einer aktuellen Lektüre

Beitragvon Teischel » 26. Jun 2016, 20:36

Welzer, Harald: Die smarte Diktatur – Der Angriff auf unsere Freiheit, Frankfurt am Main 2016.

http://www.fischerverlage.de/buch/die_s ... 3100024916


Wer noch über genug bewusste Selbstwahrnehmung verfügt und so offen und ehrlich sich selbst und anderen gegenüber sein kann, dass er (oder sie) sich nicht hinter die üblichen Abwehrmechanismen zwischen Verdrängung und Verleugnung oder Idealisierungund Identifikation zurückziehen muss, um in Balance zu bleiben, wird wohl hoch erfreut sein über dieses Buch. Sich einfühlen können in die Bedrohung, die es anspricht und bestärkt fühlen in seiner persönlichen inneren Not, durch diesen klarsichtigen und differenzierten Blick auf die (Sucht-)Gefahren und Entmenschlichungs-Mechanismen, die längst heraufbeschworen und ermöglicht werden durch eine Technologie, die letztlich nichts anderes kann und zu nichts anderem taugt als Quantität, Messbarkeit und Kontrolle (Überwachung) zu steigern; und bestehende Oberflächen zu „optimieren“ (aufzupolieren) oder neue Oberflächlichkeiten zu erzeugen, ohne die wir gerade noch gut gelebt haben. Und damit passt sie so fatal in diese seelenlose Konsum- und Wettbewerbsgesellschaft, die diese Technik ermöglicht hat und uns und den Planeten immer weiter in die Entfremdung vom Lebendigen treibt.

Mehr von allem in immer kürzerer Zeit, Effizienz, Machbarkeit und Wachstum sind die Götzen einer zutiefst halt- und orientierungslosen Gesellschaft, in der das Subjekt nur noch als nützlicher Funktionsträger und manipulierbarer Konsument erscheint, dem die Werbung jederzeit neue Bedürfnisse einzureden versucht und dem seine Reduktion zum smarten, ständigen Online-User vermeintlich sozialer Netzwerke zunehmend weniger als fremdbestimmte Abhängigkeit auffällt. So wie auch jeder anders süchtige Mensch die Dosis seiner Substanzen oder seiner Verhaltensmuster immer mehr steigern muss, um noch annähernd die gleiche Wirkung zu erreichen wie am Beginn seiner Abhängigkeit, als er noch meinte, sie im Griff zu haben und jederzeit wieder aufhören zu können.

Die abgespaltene Kehrseite des Größenwahns dieser „schönen neuen Welt“, von einer Machbarkeit des Glücks, das jeden Süchtigen wie die Ideologen eines unbegrenzten Wachstums leitet, ist dabei die schiere Todesangst, die Unerträglichkeit der eigenen sterblichen Existenz, die unser Menschsein doch erst eigentlich bedeutsam und solidarisch werden lässt. Die Angst vor dem Nichts bringt solche Wahnideen hervor wie die von der möglichen Rekonstruktion und „Wiederauferstehung“ einer menschlichen Persönlichkeit durch die von ihr zeitlebens gespeicherten Daten auf einer Festplatte.

Allein durch die schiere Flut und Flüchtigkeit, mit der die „Informationen“, Meinungen und Botschaften, nach denen wir gar nicht gefragt haben, uns in dieser allgegenwärtigen digitalen Diktatur permanent angeboten werden, die uns förmlich anspringen und uns in immer mehr öffentlichen und privaten Räumen in ihre phantasielosen, virtuellen Datenwelten und Lügenkonstruktionen einer nur zum Schein freien, beliebig verfügbaren, grenzen- und zeitlosen globalen Gemeinschaft einspinnen, macht sie zu einer monströsen seelisch-geistigen Datenmüllkippe, auf der bereits Milliarden Menschen nach etwas Wesentlichem herumsuchen, ohne sich dabei finden zu können, ja nicht einmal mehr bemerken, dass sie dabei sind, sich dauerhaft zu verlieren. („We’re half awake in a fake empire“ hieß es bereits 2008 in dem schmerzlich schönen Song Fake Empire der Band „The National“).

Doch wir müssen uns nicht erst abhanden kommen oder krank und kränker werden, um uns auf das eigene Dasein zu besinnen. Manchmal helfen Bücher wie dieses, um uns (wieder oder erstmals) wachzurufen und einander daran zu erinnern, wo unsere wahrhaft schöpferischen Potentiale liegen. In unserer eigenen, persönlichen Sehnsucht nach Geborgenheit und Freiheit, nach einer solidarischen, liebevollen Gemeinschaft und der Möglichkeit dem Wunder unsrer eigenen, sterblich schönen Existenz einen unsterblich schönen, schöpferischen Ausdruck zu geben – jede(r) auf die ihm gemäße einmalige Weise.

Danke für dieses inspirierende, ermutigende und vor allem in einem ganz persönlichen Stil und mit autobiographischem Bezug geschriebene Buch. Existenzielle Aufklärung, die mit Leidenschaft begeistert und zum Handeln anstiftet.
„Ich empöre mich, also sind wir“ - Auch Camus hätte es wohl gefallen.
Teischel
 
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