"Jeder Mensch ein (Überlebens-)Künstler"

"Jeder Mensch ein (Überlebens-)Künstler"

Beitragvon Teischel » 17. Jul 2016, 18:32

„Jeder Mensch ist ein Künstler“ formulierte Joseph Beuys vor bald 50 Jahren das schöpferische Credo seines erweiterten Kunstbegriffs, mit dem er jeden einzelnen Menschen zur schöpferischen Mitgestaltung an der „sozialen Plastik“ (oder „sozialen Skulptur“) einer veränderten, offenen, sozialen und kreativen Gesellschaft einladen wollte.

Seine Vorstellungen von einem sich dynamisch entwickelnden sozialen Prozess, den jede(r) Einzelne kraft seiner besonderen Talente und Fähigkeiten mitgestalten könne, sind den Intentionen der Akademie für Potentialentfaltung ganz ähnlich.
Und ebenso möchte dieses Forum für leidenschaftliche Gesundheit zu einem ganzheitlichen, offenen, respektvollen und solidarischen Umgang miteinander einladen und eine Veränderung gesellschaftlicher Verhältnisse ermöglichen helfen.

Jeder symptomatische Ausdruck menschlicher Not und Verzweiflung - jede „Sucht“ - bezeugt auch die Überlebenskunst eines Menschen, ist ein schöpferischer Selbstheilungsversuch, aus der Not geboren, mithilfe seines erfinderischen Unbewussten, ausgetragen auf der Bühne des eigenen Körpers: um sich und andere darauf hinzuweisen, dass da etwas (oder alles) in ihm aus dem Gleichgewicht geraten ist.

Jede Krankheit ist eine schicksalhafte und schöpferische Herausforderung an den leidenden Menschen („Homo Patiens“), sie wahrzunehmen, anzunehmen und - wenn möglich - zu überwinden, das heißt in neue, schöpferische Lebensenergie zu verwandeln.
Wenn eine Krankheit unheilbar ist und das Ende, der Tod, der für uns alle die letzte Grenze markiert, unausweichlich bevorsteht, liegt die letzte und vermutlich entscheidende Freiheit des Menschen in der Akzeptanz des Unabänderlichen. Im Einverständnis mit dem Ende - oder in der Revolte gegen die absurde Unbegreiflichkeit unseres Daseins und unseres Todes. Je nachdem, welche persönliche Antwort ein Mensch darauf zu geben vermag - woran er glauben kann oder nicht.

Doch die Tatsache unserer Endlichkeit, das Bewusstsein unseres Todes, sollte niemals verleugnet oder verdrängt werden (müssen). Erst diese so gefährdete, unendlich kostbare, zerbrechliche und schwache Natur des Menschen, hat dieses sehnsüchtige, empathische und zu solidarischer Liebe begabte Wesen hervorgebracht, das wir eigentlich sind und sein können.

Ist uns die Wahrheit unseres Todes und unsere tatsächliche Verletzlichkeit als lebendige Wesen unerträglich, war unsere frühe Ohnmacht so real, dass wir sie abspalten mussten, als hätten wir sie nicht erfahren, um trotzdem weiterleben zu können, dann nimmt das Unheil seinen zerstörerischen, ausbeuterischen und terroristischen Verlauf. Verhängnisvolle rassistische Ideologien, größenwahnsinnige Heilslehren und verführerische Allmachtphantasien breiten sich aus, immer wieder aufs neue und immer wieder in der gleichen mörderischen Logik. Wissenschaft, Wirtschaft und Technik werden aus unserer Angst vor dem Tod zu falschen Göttern erhoben oder machen sich in ihrer ohnmächtigen Geltungssucht selbst dazu, indem sie sich und uns Macht, Erlösung und Unsterblichkeit versprechen.

Doch die wahrhaftige Größe des Menschen liegt jenseits davon und ist so wundervoll wie einzigartig: die leidenschaftliche Liebe zu sich selbst wie zu allen anderen lebendigen Wesen, mit denen er auf diesem zerbrechlichen Planeten leben darf, bis zuletzt...
Teischel
 
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