Terror - Das Drama verleugneter Ohnmacht

Terror - Das Drama verleugneter Ohnmacht

Beitragvon Teischel » 25. Jul 2016, 10:54

„Terroristen sind identitätslose Menschen, die glauben durch Gewalt eine Identität zu erlangen. Menschliches Leid und Schmerz bedeuten für sie Schwäche.“ (Arno Gruen)

Die tieferen, unbewussten Ursachen gewaltsamer, kriegerischer Konflikte liegen immer in konkreten einzelnen ohnmächtigen Menschen, die ihre am eigenen Leib erlittenen Demütigungen und traumatischen Gewalterfahrungen dadurch abwehren und verdrängen müssen oder auf perverse Art zu kompensieren versuchen, dass sie sich an anderen Menschen rächen, indem sie diese ihrerseits erniedrigen, entwürdigen und mit Gewalt bekämpfen.

„Terroristen sind identitätslose Menschen, die glauben durch Gewalt eine Identität zu erlangen. Menschliches Leid und Schmerz bedeuten für sie Schwäche.“: Arno Gruen, der im Oktober 2015 verstorbene Schweizer Psychoanalytiker und Kulturkritiker, erscheint seit Jahren wie ein unermüdlicher Rufer in der Wüste und war noch in seiner letzten Veröffentlichung zu Lebzeiten „Wider den Terrorismus“ (2015) darum bemüht, die gegenwärtigen Bedrohungen und Anschläge aus ihren Wurzeln zu erklären.

Indem Terroristen ihre Umgebung (und potentiell die ganze Welt) mit ihren Attentaten in Angst und Schrecken versetzen, rächen sie sich stellvertretend an allen, die sich ihnen und ihrem „Glauben“ nicht unterwerfen, für das tatsächliche Drama ihrer inneren Ohnmacht. Sie hassen in anderen jene „Schwäche“, die sie selber niemals zeigen durften. Die verlorene Freiheit - „Der Verrat am Selbst“ (Gruen, 1984) - und das eigene Opfersein seit der Kindheit werden verleugnet, indem andere zu Opfern gemacht werden. Im Namen „falscher Götter“ (Gruen) werden „Befreiungskriege“ geführt und dabei Tod und Zerstörung martialisch verherrlicht - bis hin zur Erlösungsfantasie der Selbstauslöschung.

Früh als tödliche Bedrohung erfahrene Angst, Unterdrückung, Ausbeutung und Ausgrenzung, auch durch Armut, Hunger und die Verwüstung des Planeten, werden als die eigentlich herrschenden Gewalten hinter dem Terror erkennbar und fordern die Weltgesellschaft endlich - und so drastisch wie nie - zur Entwicklung einer globalen Gerechtigkeit und Solidarität heraus. Und zwar nicht als eine weitere von außen verordnete „Ideologie“ oder „Religion“, sondern endlich als verbindendes Maß aller sich in Tat und Wahrheit nach einem guten Leben für alle sehnenden Menschen, die gemeinsam eine friedliche(re) Welt ermöglichen und gestalten wollen.

Eine solche Haltung wird sich allerdings erst dann entwickeln und nachhaltig verbreiten können, wenn endlich weltweit die Gewalt gegen Kinder geächtet wird und aufhört. Wenn nicht länger „Erziehungs“-Terror (gleich welcher Prägung) von Anfang an das eigene Selbst eines Kindes unterdrückt oder gar zu brechen versucht - sondern wenn sich ein Kind in seiner frühen Ohnmacht geliebt fühlen und zugleich möglichst frei entfalten kann. Misshandelte und entwürdigte Kinder werden später als Erwachsene ihre innere, als unerträglich erlebte Ohnmacht in allem/allen Fremden hassen und sie außerhalb von sich, im Bunde mit falschen Göttern, unterdrücken oder zerstören müssen.

Im Film „Das weiße Band“ (2009) von Michael Haneke wird die Psychodynamik gedemütigter Kinder in einem norddeutschen Dorf kurz vor dem Ausbruch des ersten Weltkrieges auf beklemmende Weise anschaulich nachvollziehbar: Sie lassen ihren ohnmächtigen Hass auf die gewalttätigen Eltern, den sie verleugnen mussten, als Gruppe an hilflosen und kranken Kindern aus und werden später, als Erwachsene, zu den Vorbereitern und Tätern des zweiten Weltkrieges.

Solange uns eine wahrhaftige Solidarität durch die Integration der eigenen Schwäche und Bedürftigkeit nicht gelingt, werden Traumatisierungen aller Art die Spirale der Gewalt in Gang halten. Werden aus den heute traumatisierten Kindern traumatisierende Täter und/oder Patienten von morgen, die ihre Zerrissenheit an anderen oder sich selber auslassen.

Eine wirkliche Veränderung seiner inneren und äußeren Verhältnisse kann einem verletzten, gedemütigten Menschen nur durch heilsame Erfahrungen gelingen: durch die seiner Person von anderen entgegengebrachte Wertschätzung, durch das Erlebnis von Respekt und Würde im Umgang mit seiner Individualität, seiner Geschichte und seinem Glauben. Durch einen vertrauensvollen, offenen Austausch der Menschen untereinander, durch ehrliches Interesse und empathische Zuwendung. Durch Liebe statt Gewalt.

Und was für den Einzelnen gilt, gilt ebenso für die Gesellschaft. Denn die wird erst dann eine wahrhaft menschliche sein, wenn sich der Einzelne in ihr nicht länger unterdrückt, gedemütigt oder ausgegrenzt erlebt, sondern vielmehr durch andere Menschen zu sich selbst ermutigt wird.
Teischel
 
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