Von der Entfremdung zur Autonomie in Verbundenheit

Von der Entfremdung zur Autonomie in Verbundenheit

Beitragvon Teischel » 1. Mai 2016, 13:13

Von der Entfremdung zur Autonomie in Verbundenheit
oder
Ich empöre mich, also sind wir“ *


Wenn einst für Marx die Religion als „Opium“ galt, mit dem das arbeitende Volk über die realen Klassenunterschiede in der Gesellschaft und seine eigene Ausbeutung hinweggetäuscht und beruhigt werden sollte, bedeutet heutzutage für eine profitorientierte, materialistische Leistungsgesellschaft ein nachdenklicher, schöpferischer einzelner Mensch, der zuerst und zuletzt an sich selbst und seiner eigenen Potentialentfaltung interessiert ist, offenbar eine Bedrohung ihrer Macht, die ausgegrenzt und für krank erklärt werden muss.

Solange ein Mensch nicht imstande oder bereit ist, sich den gesellschaftlichen Bedingungen anzupassen, die der herrschenden Wettbewerbs- und Leistungsideologie als „objektiv“ gültig, verbindlich und fortschrittlich gelten, stuft man ihn als behandlungs- und resozialisierungsbedürftig ein. Dies bedeutet im Umkehrschluss, dass ein möglichst reibungsloses, effizientes Mitwirken an der Vermehrung von Wachstum und Wohlstand zum Kriterium von Normalität und Gesundheit des Einzelnen erhoben wird. Damit ist der menschlichen Existenz nicht nur ihre Eigenständigkeit abgesprochen, sondern zugleich jede potenzielle Freiheit des Einzelnen an dessen effizientes Funktionieren im System seiner jeweiligen Gesellschaft gebunden. Das Subjekt wird zum Objekt gesellschaftlicher Interessen herabgewürdigt. (Vgl. Hüther, G., Etwas mehr Hirn, bitte, Kap. 3.1)

Bei der Ausbeutung menschlicher Leistungsfähigkeit für gesellschaftliche Zwecke (in Familie, Schule und Beruf) geht es gerade nicht um die Entwicklung, Förderung und Würdigung schöpferischer Potentiale zur Selbstentfaltung des Einzelnen, sondern um deren Nutzwert für die „herrschenden Verhältnisse“ jener Gesellschaft, in der er lebt. Wie ein Sklave von seinem Herrn abhängig war, der ihm Arbeit, Brot und Obdach gab, so hat der einzelne Mensch heute für die herrschende gesellschaftliche Ideologie zu leben und zu deren Erhaltung beizutragen. Andernfalls wird er als Staatsfeind oder Sozialschmarotzer verdächtigt und ausgegrenzt, nur bei Erkrankung und dadurch bedingter Arbeitsunfähigkeit darf er sich erholen und wieder zu Kräften kommen, um sich anschließend, wieder genesen, nur umso effizienter ausbeuten zu lassen.

Wie Kinder gewalttätiger Eltern früh lernen, dass sie mit Gehorsam und Pflichterfüllung eher überleben als in Auflehnung – und sich damit womöglich noch Zuwendung und Vorteile verschaffen können –, so werden diese in Angst und Anpassung (Depression) erzogenen Kinder später arbeitsame, brave Bürger einer Gesellschaft, die, stellvertretend durch die Familien, dem Einzelnen ihre Leistungsideologie aufbürdet. Wobei allerdings heutzutage ein immer enger geknüpftes mediales Manipulationsnetz die alte Rolle der Familie als „Keimzelle der Gesellschaft“ zunehmend entbehrlicher werden lässt. Denn auch im virtuellen Raum dieser einzigen großen Medien-Gemeinde wirken prägende Vorbilder bei der Wertevermittlung wie ein starkes „Über-Ich“, das seine unbewussten Botschaften im Einzelnen verankert.

Immer wird dabei eine ursprüngliche, kreative Energie im Menschen, die Sehnsucht nach Erkenntnis, die Liebe zum Leben und ihr möglicher schöpferischer Ausdruck, missbraucht – manipuliert – und auf die Interessen eines Systems umgelenkt. Die ursprüngliche „Arbeit am eigenen Dasein“, als eine den Einzelnen potenziell zur Selbstbewusstheit befreienden existenziellen Kraft, wird gewissermaßen „umgewertet“ und zweckorientiert auf die Gesellschaft ausgerichtet, der zu dienen als Tugend gilt. Die Arbeit an deren vermeintlichem Fortschritt wird zum Lebenssinn des Einzelnen erklärt. Alles, was diese Kraft ermöglicht, fördert und stützt, gilt als hilfreiches Mittel zum Zweck, ganz gleich, ob es sich um Disziplin, Medikamente oder Alkohol handelt.

Je weniger der Einzelne seine Selbstentfremdung – im Grunde den Verlust seiner Freiheit – bemerkt, sich die ihm zugeschriebene Rolle zu eigen macht, in ihr aufgeht und sie zuletzt für das eigentliche Leben hält, das er freiwillig und selbstverantwortlich zu führen meint, desto besser ist seine „Umerziehung“ („Gehirnwäsche“) gelungen. So wie sich die „Besatzungsmächte“ aus ihren Kolonien zurückziehen können, sobald die dortigen Machthaber in ihrem Sinne „regieren“, bedarf es keiner weiteren Beeinflussung des Einzelnen mehr, sobald der die jeweiligen ideologischen Maßstäbe verinnerlicht hat und für seine eigenen zu halten beginnt.


Die „Erziehung“ der Kinder nach den Maßstäben der Leistungsgesellschaft, die heutzutage schon im Kindergarten das Konkurrenzdenken befördert und scheinbar spielerisch möglichst früh eine Fremdsprache zu unterrichten beginnt, um den späteren „Marktwert“ eines erwachsenen „Bewerbers“ zu befördern, mag in der Logik des Systems sogar als „verantwortlich“ gelten – so wie Eltern und Lehrer seit je mit Strenge und Konsequenz hilfreich zu sein und auf die Realität vorzubereiten glaubten.

In Wahrheit aber werden dabei wieder nur die ursprünglich kreativen Potenziale des Menschen und seine Sehnsucht nach Liebe und Anerkennung ausgebeutet, um sein „Funktionieren“ innerhalb der Gesellschaft sicherzustellen, die in ihrem eigenen Interesse genau dieses Verhalten bestärkt und das „Selbstwertgefühl“ ihrer „Mitglieder“ daran bindet. Wenn sie ihre Ideologie nur früh und konsequent genug vermittelt, wird die gesellschaftlich erwünschte Leistung schließlich mit Freuden erbracht, weil die Droge Arbeit aufgrund ihrer definierten Nützlichkeit jederzeit unmittelbare Bestätigung gewährleistet.

Die digitalen Medien- und Informationstechnologien sind allgegenwärtig und vernetzen und verkabeln uns bis in die letzten Winkel der Erde miteinander, auch ohne unser Wissen und Zutun, sodass der Eindruck entstehen kann, der Mensch löse sich in virtuelle Welten auf, arbeite an seiner eigenen Abschaffung und verliere seine Identität als Person. Inzwischen „reden“ längst Maschinen mit uns und Roboter sollen bald unsere besten „Freunde“ werden können.

Das eigentlich Bedrohliche daran ist, dass die Gefahren, wie bei jeder Sucht, zunächst und viel zu lange gar nicht wahrgenommen und dann verharmlost werden, weil die vermeintlichen Nutzeffekte (der „freie“ Zugang, die Fülle an Möglichkeiten, die Geschwindigkeit, die Grenzüberschreitung …) ihre schädliche Nebenwirkungen weit zu überragen scheinen.

Da die „Mediendrogen“ derart neutral und wertfrei daherkommen, angeblich nur den Transfer von Daten und Informationen ermöglichen sollen und gleichzeitig überall auf der Welt Gebrauch finden – so dass diese Suchtmittel global konsumiert werden und global abhängig machen – ist das Bewusstsein der Gefahren so schwer wachzurufen. Und nur wenige behalten „klaren Kopf“ gegenüber dieser allgegenwärtigen Zumutung, die inzwischen ebenso „normal“ erscheint wie die Wachstumsideologie einer Gesellschaft. Dabei erweist sie sich bei kritischer Betrachtung für eine wahrhaftige, lebendige, sinnlich erfahrbare und tiefgründig intensive Kommunikation zwischen Menschen als ebenso ungeeignet, ja widersinnig, wie Lohnarbeit für die Entfaltung unserer schöpferischen Potentiale.

So wie die Medientechnologie letztlich nur die Geschwindigkeit und die Wissensmenge erhöht, aber nichts zur Weisheit – und dem Verstehen von Werten und Sinnzusammenhängen – beiträgt, so behindert die „Erwerbstätigkeit“ eines Menschen, die ihn zwingt, seine Arbeitskraft einem Arbeitgeber zu verkaufen, um sich mit dem erhaltenen Lohn seinen Lebensunterhalt zu verdienen, die Entwicklung einer selbstbewussten, eigenständigen Persönlichkeit.

Um diese Zusammenhänge zu verschleiern wird pausenlos von einer gigantischen Werbe- und Unterhaltungsindustrie scheinbare Freiheit und scheinbares Glück erzeugt, die dem Einzelnen eine Illusion von Zufriedenheit und Selbstbewusstsein verschafft, hinter der ein sehnsüchtiges Ich verzweifelt nach Geborgenheit sucht.

Das aktive Mitwirken des Einzelnen am Funktionieren der Gesellschaft wird vielfältig belohnt: mit Gewinnanteilen, Preisverleihungen, Ruhm und Status. Eine optimalere Arbeitsleistung und höhere Verantwortung wird mit höheren Löhnen erkauft - Optimierung bis zum Burnout. Wie ein „Drogendealer“ – der im Übrigen auch längst Sklave seines eigenen Systems geworden ist – treibt die Konsumgesellschaft ihre Abhängigen immer tiefer in die Sucht hinein und bereichert sich weiter an ihnen. Der Einzelne darf kein Spielverderber sein, wenn er dazugehören will. Dabei kann ein auf Effizienz und Wachstum fixiertes Gesellschaftssystem keineswegs daran interessiert sein, dass sich seine Mitglieder nur noch dem Vergnügen der „Spielsucht“ hingeben und alle Ressourcen und Energien vor den Bildschirmen, in Sportarenen oder Casinos vergeuden. Oder dass gar die Masse im Alkohol- oder Drogenrausch versinkt. Doch ein wohldosierter Alkoholkonsum kann dem System gerade recht sein, weil er ein überall verfügbares Belohnungs- und Entlastungssystem darstellt, sich „wohlfühlen“ oder Stress „wegspülen“ lässt – ein Treibstoff zur „Selbstmedikation“ wird. Zugleich fördert die kapitalistische Gesellschaft Spielsucht geradezu programmatisch und macht sie, wie die Arbeit, zu einem bestimmenden Teil ihres Alltags, indem sie die Logik ihres materialistischen, auf Wettbewerb gegründeten Wertesystems überall quasi spielerisch inszeniert und so beiläufig immer wieder einübt – mit jeder Millionenshow, jedem Monopoly-Spiel, jedem sportlichen „Wettkampf“ und jedem sonstigen öffentlichen Leistungsmessen aufs Neue.

Wissen heißt dabei Macht über andere zu haben, Geld, Einfluss und Prestige zu erlangen in einer auf Gewinnmaximierung und oberflächlich glänzende Wohlstandsfassaden ausgerichteten Gesellschaft, die ihren „Wert“ und ihre Berechtigung auf vermeintlich objektive Kriterien gründet, die sich messen und vergleichen lassen. Ein diesen „objektiven“ Normen unterworfener Mensch lernt daher, seinen Wert von Messbarem und Vergleichen mit anderen abhängig zu machen, mit denen er sich permanent im Wettbewerb befindet. Je „besser“ ein messbarer Wert, desto wertvoller erscheint die Sache beziehungsweise der Mensch, der sie besitzt.

Die sich stetig steigernde, öffentlich geachtete und geförderte Leistungs-, Erfolgs- und Geltungssucht von Politikern, Wissenschaftlern, Managern, Künstlern, Sportlern oder sonstigen „Prominenten“ wird in ihrem narzisstischen Größenwahn zugleich Abbild und Vorbild der Leistungsideologie einer Gesellschaft, die solche Süchtigen hervorgebracht hat und ihnen zujubelt.

Allgegenwärtig sind die Zurichtungen der Entfremdung: Zensuren, Prüfungen, Wettbewerbe aller Art, in Schule und Beruf, im Sport, um die Schönheit, in den Künsten - Bewertungen der Leistungsfähigkeit und Talente eines Menschen von Geburt an, ja schon im Mutterleib, wo „Funktionstests“ und Vergleiche mit einer imaginären Normalität über den Wert eines noch ungeborenen Individuums befinden. Jede Genmanipulation, jeder chirurgische Eingriff, der nicht der Lebenserhaltung dient, soll eine gegebene Anlage, Ausstattung oder Gestalt verbessern.

Jede Erziehung, jedes Training, jede Ausbildung, die nicht den eigenen Bedürfnissen, Wünschen, Begabungen und Zielen eines Kindes entsprechen beziehungsweise deren Entdeckung ermöglichen helfen, manipulieren es nach ideologischen Vorstellungen darüber, wie es „am besten“ zu sein hätte oder „unter diesen Voraussetzungen“ sowieso niemals werden kann.

Die Leistungsideologie des Gewinnens und der vorzeigbaren Erfolge, die Sieger- und Platzierungsmentalität in allen Bereichen der Gesellschaft – von der Olympiade über den Nobelpreis bis zur Grammy- oder Oscar-Verleihung, vom Kindergarten bis zur Akademie der Wissenschaften – beurteilt den Einzelnen nicht nach sich selbst, am Grad seiner Wahrhaftigkeit und Authentizität, mit der er seine Persönlichkeit zu entwickeln versucht. Sie überlässt nicht ihm, als Subjekt, die Maßstäbe einer selbstbestimmten Existenz – nach seiner eigenen Sehnsucht –, sondern misst den Einzelnen am „Geschmack“ von Masse und Zeitgeist („Mode“), unterwirft ihn dem Urteil von Jurys, Komitees und Preisrichtern, die nach vorgegebenen „Rastern“ – die allein durch die bloße Vorgabe „objektiv“ erscheinen – bewerten und ausgrenzen: Subjekte zu Objekten machen.

Außenstehende beurteilen von außen nach äußerlich bleibenden Kriterien, nach dem, was messbar und daher zu vergleichen ist, nach der Menge des Wissens, dem Durchschnitt der Noten, der Geschwindigkeit, Reichweite oder Punktezahl eines Schülers, Sportlers oder Spielers – und sie bewerten und belohnen diese entsprechend der erzielten Ergebnisse. Doch wozu? Aus welcher Motivation stammt ein solches Verhalten, wer stellt solche Maßstäbe auf, und wer unterwirft sich ihnen bereitwillig? Es sind eigentlich ohnmächtige, sich selbst entfremdete, nach Geltung und Beweis ihres Wertes strebende Menschen, die sich als erfolgreich präsentieren müssen, um sich für einen erlösenden Moment auch so zu fühlen, um gleich darauf wieder in dieselbe Bedürftigkeit zu verfallen, die ihre eigentliche, tief verborgene Sehnsucht ist: nämlich die nach ihrem eigenen, wahren Selbst, das sich nicht beweisen muss, weil es in sich geborgen ist und um die eigene Größe weiß, die sich jederzeit selbst genügt.

Sobald es einem Menschen um das Gewinnen geht, geht es ihm eben nicht (mehr) um ein zweckfreies, lustvolles, reines Spiel, aus Freude am Dasein, bei dem das Herz weit wird und alles Ja sagt in einem – so wie Kinder quietschvergnügt über eine Wiese laufen. Solange es um das Bessersein geht, um den eigenen Vorteil und möglichen Sieg über andere, verliert der Einzelne die Sehnsucht nach einem schöpferischen Ausdruck seiner Selbst, als dankbare Antwort auf das Wunder des eigenen Daseins. Sich selbst zu gewinnen und diesen Reichtum in Verbundenheit mit anderen Subjekten teilen zu können - das wäre ein schönes Ziel für uns alle.

© Otto Teischel

*(Albert Camus, Der Mensch in der Revolte, 1969, S. 21)
Teischel
 
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